50-Jahr-Jubiläum des Europacupfinales

Dieser Tage jährt sich das Europacupfinale von 1969 zwischen den Rotjacken und CSKA Moskva zum 50. Mal.

50-Jahr-Jubiläum des Europacupfinales

Es war auf internationaler Ebene das zweifellos größte Ereignis in der Geschichte des KAC bzw. EC-KAC: Vor genau 50 Jahren, im Oktober 1969, standen die Rotjacken dem damals wohl weltbesten Eishockeyteam, CSKA Moskva, im in Hin- und Rückspiel ausgetragenen Finale des Europacups gegenüber.

 

Langer Weg ins Finale

Seinen Ausgangspunkt nahm das europäische Märchen aus rot-weißer Sicht schon ein knappes Jahr zuvor: Als österreichischer Meister qualifizierte sich der KAC für den Europacup, in dessen erster Runde der jugoslawische Champion, der HK Jesenice, mit 6:4 zu Hause und 5:3 auswärts bezwungen werden konnte. Auch in Runde zwei gewannen die Klagenfurter Hin- und Rückspiel: Deutschlands Titelträger EV Füssen wurde mit 5:2 und 2:1 besiegt. Danach wartete eines der denkwürdigsten Europacup-Duelle der Klubgeschichte gegen den HC La Chaux-de-Fonds: Beim Schweizer Meister gelang ein 5:4-Auswärtserfolg, im Heimspiel verkürzte Josef Puschnig erst Sekunden vor dem Ende auf 3:4 und ermöglichte somit ein Penaltyschießen um den Aufstieg. Dort legte im insgesamt neunten Versuch Walter König für Rot-Weiß vor, Goalie Karl Pregl parierte gegen Kapitän René Huguenin und brachte den KAC eine Runde weiter. Diese nächste Runde wäre das Halbfinale gewesen, in dem ZKL Brno - Sieger aller vorangegangenen Europacup-Austragungen (1966, 1967 und 1968) - gewartet hätte. Nicht zuletzt unter dem Eindruck der politischen Entwicklungen - Stichwort: Vorboten des „Prager Frühlings“ - untersagte der nationale Verband dem Klub jedoch die Teilnahme am Europacup, sodass die Rotjacken als Finalgegner von CSKA Moskva feststanden. Weil sich zum Zeitpunkt dieser Entscheidung die Saison bereits in der absoluten Spätphase befand, wurden die beiden Endspiele für den Herbst, also erst für die kommende Spielzeit, angesetzt. Dies hatte die kuriose Folge, dass der KAC seine Erstrundenspiele im Europacup 1969/70 einige Tage vor den Finalspielen 1968/69 auszutragen hatte. Die sportliche Unterlegenheit realistisch einschätzend und das wirtschaftliche Potenzial eines doppelten Gastspiels der wohl weltbesten Eishockeymannschaft in Klagenfurt erkennend, erwarb sich der KAC von CSKA auch das Heimrecht im zweiten Finale.

 

Ausnahmezustand in Klagenfurt

Das Gastspiel von CSKA, dessen Mannschaft fast deckungsgleich mit dem sowjetischen Nationalteam war, das sich wenige Monate zuvor in Stockholm seinen siebten Weltmeistertitel hintereinander geholt hatte, steigerte im Herbst 1969 die ohnehin schon veritable Eishockey-Euphorie in Klagenfurt weiter, beide Finalspiele waren innerhalb von zwei Tagen restlos ausverkauft. Die Moskauer wurden von einer KAC-Delegation am Flughafen in Wien in Empfang genommen und per Autobus nach Kärnten gebracht, sie checkten am Mittwochabend, dem 8. Oktober, um 23.00 Uhr im Hotel Moser-Verdino in der Innenstadt ein. Lediglich neun Stunden später bat der legendäre Trainer Anatoli Tarasov (der 28 Saisonen lang, von 1946 bis 1974, als Head Coach des Klubs fungierte) zum ersten Trockentraining am KAC-Platz in der Glangasse. Als die Sowjets am Donnerstag, dem Tag vor dem ersten Finalspiel, zu Mittag ihre erste Eiseinheit in der Stadthalle absolvierten, hatten sich hunderte Schaulustige eingefunden. Gleiches galt für die im Anschluss an das Training abgehaltene Autogrammstunde mit den beiden Weltstars Alexander Ragulin und Anatoli Firsov in einem Modehaus in der Innenstadt. Selbst am Spieltag nahm CSKA PR-Auftritte wahr: Nach dem Morning Skate lud Bürgermeister Hans Ausserwinkler zu einem Empfang ins Rathaus. Auch der Medienrummel war groß: Eine Schar lokaler Zeitungsjournalisten klebte während des Aufenthalts der Sowjets in Klagenfurt förmlich an deren Fersen, von den Spielen selbst gab es (damals noch recht unübliche) Live-Übertragungen im Radio, im Fernsehen wurden die beiden Partien im ORF knapp nach Spielende als Aufzeichnungen ausgestrahlt.

 

Achtungserfolg im ersten Duell

Sportlich konnten die Rotjacken dem Weltklasseteam aus Osteuropa freilich nicht das Wasser reichen, von Journalisten vor Spiel eins gefragt, gab der Großteil der KAC-Spieler an, dass jede Niederlage mit weniger als 15 Gegentreffern bereits als Erfolg gewertet werden könne. Diese Aussichtslosigkeit konnte die Begeisterung des Klagenfurter Publikums für die Begegnung freilich nicht bändigen, weil die lokalen Behörden die Sicherheitslage durchaus wohlwollend interpretierten, konnten am Abend des 10. Oktober gut 6.000 Fans die Stadthalle sprichwörtlich stürmen. Menschentrauben hingen an den Geländern, sämtliche Stiegenaufgänge waren vom Eis aus unsichtbar weil von Zusehern besetzt. Und die Anhänger erwiesen sich als äußerst fair, tosender Applaus begleitete auch die eishockeyästhetisch herausragenden Aktionen der Gäste. In den ersten Minuten konnten die Klagenfurter noch dagegenhalten, in den Minuten sieben bis neun sendete CSKA jedoch gleich drei Mal ein. Auch im Mitteldrittel wehrten sich die Rotjacken einige Zeit gut, in der zweiten Hälfte des Abschnitts schrieben die Sowjets dann allerdings erneut drei Mal an. Auch im finalen Durchgang verließen den KAC, der damals noch kein geordnetes Sommertraining absolvierte und den Moskauern, die bereits im Mai in die Saisonvorbereitung gestartet waren, konditionell deutlich unterlegen war, zwischendurch die Kräfte, nun benötigte CSKA vier Minuten für seine nächsten drei Tore. Grenzenlos war der Jubel in der proppenvollen Stadthalle schließlich in der denkwürdigen 51. Spielminute: Vom Finnen Juhani Wahlsten in Szene gesetzt, erzielte Erich Romauch den Ehrentreffer für die Rotjacken. Die Klagenfurter verteidigten sich in der Folge mit letztem Einsatz und konnten somit sogar eine zweistellige Niederlage vermeiden - Endstand 1:9.

10. Oktober 1969, Europacup-Finale
Klagenfurter AC – CSKA Moskva 1:9 (0:3,0:3,1:3)
Tore: Erich Romauch (51.) bzw. Yuri Moiseyev (8., 37.), Valeri Kharlamov (7.), Vladimir Vikulov (9.), Anatoli Firsov (30.), Viktor Polupanov (39.), Vladimir Petrov (45.), Vladimir Brezhnev (47.), Yuri Blinov (49.)

Aufstellung KAC: Karl Pregl // Anton Kenda-Gerhard Felfernig, Adelbert Saint John-Gerd Schager // Heinz Schupp-Josef Puschnig-Dieter Kalt, Erich Romauch-Juhani Wahlsten-Esko Kaonpää, Horst Kakl-Paul Samonig-Walter König

Aufstellung CSKA: Nikolai Tolstikov // Alexander Ragulin-Viktor Kuzkin, Vladimir Brezhnev-Igor Romishevsky // Vladimir Vikulov-Viktor Polupanov-Anatoli Firsov, Boris Mikhailov-Vladimir Petrov-Valeri Kharlamov, Yuri Blinov-Anatoli Ionov-Yuri Moiseyev

 

„Rückspiel“ als Bühne für zukünftigen Weltstar

Am Samstag, dem Tag zwischen den Europacup-Finalspielen, stellten sich die beiden Teams in den Dienst der guten Sache und traten am KAC-Platz in der Glangasse im Fußball gegeneinander an, wobei die Einnahmen an das Rote Kreuz gingen und das Resultat mit 7:2 ebenfalls deutlich zu Gunsten der Gäste ausfiel. Tags darauf stand dann wieder das Spiel mit der Hartgummischeibe im Mittelpunkt, auch beim zweiten Endspiel platzte die Stadthalle aus allen Nähten, wenngleich die Sicherheitsbehörden den Kartenverkauf bei 5.500 Tickets einstellen ließen. CSKA trat am Sonntag mit einer nur an einer Position veränderten Mannschaft an: Zwischen den Pfosten stand ein schmächtig wirkender, erst 17-jähriger Teenager, dessen Auftritt in Klagenfurt zwar nicht den Ausgangspunkt seiner späteren Weltkarriere bildete, der hier sehr wohl jedoch eines seiner ersten Bewerbsspiele im Erwachseneneishockey bestritt. Sein Name: Vladislav Tretiak. Der Torhüter bestritt 52 Tage später das erste seiner 291 Länderspiele für die Sowjetunion, am Ende seiner Laufbahn zierten drei Olympische Goldmedaillen und zehn Weltmeistertitel seinen Lebenslauf.

Im Finalspiel selbst ging CSKA zu Beginn deutlich ambitionierter ans Werk als zwei Tage zuvor, im ersten Drittel erzielten die Gäste nicht weniger als sieben Treffer. Exakt zur Spielmitte wurde aus dem freundlichen Applaus, der die sportliche Machtdemonstration der Sowjets begleitete, aber schier grenzenloser Jubel: Einem Handgelenksschuss von Verteidiger Gerd Schager aus der Distanz verpasste Josef Puschnig vor dem Kasten noch eine entscheidende Richtungsänderung, Tretiak war bezwungen (Video). Später im Spiel konnten sich mit Paul Samonig und Dieter Kalt zwei weitere Rotjacken-Akteure als Torschützen feiern lassen, CSKA traf allerdings insgesamt gleich 14 Mal und nahm somit am Eis der Stadthalle erstmals in seiner Vereinshistorie den Pokal für den Sieg im Europacup entgegen.

12. Oktober 1969, Europacup-Finale
Klagenfurter AC – CSKA Moskva 3:14 (0:7,2:4,1:3)
Tore: Josef Puschnig (30.), Paul Samonig (37.), Dieter Kalt (54.) bzw. Vladimir Petrov (3., 16., 31., 31.), Yuri Moiseyev (1., 6.), Valeri Kharlamov (4., 51.), Anatoli Firsov (12., 44.), Boris Mikhailov (13.), Vladimir Brezhnev (25.), Alexander Ragulin (27.), Yuri Blinov (53.)

 

Die weitere Geschichte

Die Gäste aus der Sowjetunion fühlten sich in Klagenfurt so wohl und von der Bevölkerung so positiv empfangen, dass sie einwilligten, am Montag, dem Tag nach dem zweiten Finalspiel, für eine zusätzliche Trainingspartie zur Verfügung zu stehen. So wollte der KAC all jenen Klagenfurterinnen und Klagenfurtern, die nicht das Glück hatten, an Eintrittskarten für die beiden Endspiele zu gelangen, die Möglichkeit geben, den Weltklasseathleten doch noch auf Kufen und Stöcke sehen zu können. In dieser Begegnung, die ganz im Sinne der Veranstaltung 9:9 endete, wurden einzelne Blöcke aus beiden Lineups getauscht, sodass acht CSKA-Akteure - Torhüter Tolstikov, die Verteidiger Ragulin und Romishevsky sowie die Stürmer Vikulov, Polupanov, Firsov, Blinov und Moiseyev - tatsächlich ein Spiel im KAC-Trikot bestritten. Auch bildete das gute Einverständnis zwischen den beiden Klubs die Basis für intensivere Kontakte der Klagenfurter in die Sowjetunion in den folgenden Jahren und Jahrzehnten. So waren die Rotjacken wenige Jahre später eines der wenigen westeuropäischen Teams, dem eine knapp zweiwöchige Testspielreise durch die UdSSR gestattet wurde. Auch fanden zu Beginn der 1970er-Jahre mit Yuri Gluchov und Yuri Baulin zwei sowjetische Trainer den Weg nach Kärnten, zudem wechselten großartige Spieler wie Viktor Tsyplakov, Vladimir Vasiliev und Igor Dmitriev zum KAC.

Der Premierensieg im Europacup auf Klagenfurter Eis war für CSKA Moskva auch der Auftakt zu einer im internationalen Eishockey unvergleichlichen Erfolgsserie: Denn auch in 19 der 21 folgenden Saisonen bis 1989/90 holte man sich die Krone als bester Klub des Kontinents. Wie der heutige EC-KAC konnten auch die Moskauer ihren Anspruch auf nationale Titel bis in die Gegenwart herauf erhalten: Im Jahr 2019 krönten sich beide Vereine zum Meister in ihrem jeweiligen Land, die Russen zum 35., die Rotjacken zum 31. Mal. (Hannes Biedermann, kac.at)

 

50-Jahr-Jubiläum des Europacupfinales

Spielszene aus dem Europacup-Finale 1969: Josef Puschnig (Mitte) und Dieter Kalt (11) vor dem CSKA-Tor.

 

50-Jahr-Jubiläum des Europacupfinales

Bis unters Dach gefüllt: Die beiden Endspiele im Europacup wurden förmlich gestürmt, zusammen 11.500 Zuseher kamen in die Stadthalle .

 

50-Jahr-Jubiläum des Europacupfinales

Die Mannschaft von CSKA präsentiert nach ihrer Rückkehr in die Sowjetunion die Plakette für den Europacup-Sieg 1969.

 

50-Jahr-Jubiläum des Europacupfinales

Die Ehrenmedaille in Silber, die der KAC für den zweiten Platz im Endklassement des Europacups 1968/69 vom Weltverband LIHG (heute: IIHF) in Empfang nahm.